Werbung Normen sollen Kreislaufwirtschaft marktfähig machen Erneuerbare & Ökologie Mitteilungen Ökologie Technik Veranstaltungen 9. Mai 2026 Hinweis: Die Bildrechte zu den Beitragsfotos finden Sie am Ende des Artikels Auf der IFAT in München rückten Experten Normung, Wasserwirtschaft und Rohstoffsicherheit stärker in den Fokus der Umwelt- und Industriepolitik (WK-intern) – Sekundärrohstoffe brauchen verlässliche Standards, klare Abfallende-Regeln und industrielle Qualitätsnachweise. Auf der IFAT in München rückten Experten Normung, Wasserwirtschaft und Rohstoffsicherheit stärker in den Fokus der Umwelt- und Industriepolitik. München – Technische Normen und Standards werden nach Einschätzung von Experten zu einem Schlüsselfaktor für den industriellen Einsatz von Sekundärrohstoffen. Auf der IFAT in München verwies Prof. Henning Wilts vom Wuppertal Institut darauf, dass Kreislaufwirtschaft nicht länger als nachgelagertes Abfallthema behandelt werden könne. Sie müsse als Teil von Rohstoffsicherung, Industriepolitik und ökonomischer Sicherheit verstanden werden. Für die Chemie- und Prozessindustrie ist diese Verschiebung besonders relevant. Rezyklate, Ersatzrohstoffe, aufbereitete Kunststoffe und andere Sekundärmaterialien können Primärrohstoffe nur dann in größerem Umfang ersetzen, wenn Qualität, Spezifikationen, Prüfverfahren, Haftung und Versicherbarkeit belastbar geregelt sind. Fehlen solche Standards, entstehen nach Wilts’ Einschätzung erhebliche verdeckte Kosten. Unternehmen müssten dann bei jedem Materialstrom neu klären, ob ein Rezyklat industrietauglich ist, welche Prüfungen erforderlich sind und wer bei Qualitätsabweichungen haftet. „Standards könnten diese Kosten massiv reduzieren. Normung ist damit kein technisches Randthema. Sie ist der fehlende Marktmechanismus“, so Wilts. Eine Recyclingquote allein schaffe noch keinen Markt. Ein Ballen sortierten Kunststoffs werde erst dann zum industriellen Rohstoff, wenn er verlässlich spezifiziert, zertifiziert und handelbar sei. Zentral ist dabei auch die Frage des sogenannten Abfallendes. Erst wenn ein Material rechtlich nicht mehr als Abfall gilt, kann es wieder wie ein Produkt gehandelt, transportiert und eingesetzt werden. Ohne klare Abfallende-Regeln bleiben viele Sekundärrohstoffe im Abfallstatus gefangen. Das erschwert ihren Einsatz in industriellen Prozessen und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Primärmaterialien. Wasserwirtschaft als Modellfall Als mögliches Vorbild wurde auf der IFAT die Wasserwirtschaft diskutiert. Dort arbeitet Deutschland seit Jahrzehnten mit technischer Selbstverwaltung, anerkannten Regeln der Technik sowie DVGW- und DWA-Regelwerken. Thomas Beutel von Lutz-Jesco verwies darauf, dass der Wassersektor mit vergleichsweise wenigen Gesetzen und vielen technischen Normen hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards erreicht habe. Die technische Selbstverwaltung folgt einem klaren Prinzip: Der Staat setzt Schutzziele, Fachgremien konkretisieren die technische Umsetzung, Behörden überwachen den Vollzug. Beispiele wie die DIN 19606 für Chlorgasanlagen zeigen, wie präzise Sicherheitsanforderungen formuliert werden können, ohne jeden technischen Einzelschritt gesetzlich zu regeln. Für Beutel liegt darin auch ein Modell für andere Umweltbereiche. Bei Recycling, Rezyklaten und Kreislaufwirtschaft werde zu häufig über Gesetze, Quoten und Verordnungen gearbeitet, während praxistaugliche technische Standards fehlten. Im Ergebnis versandeten viele Vorgaben im Vollzug oder erzeugten Rechtsunsicherheit. Standards zwischen Innovation und Begrenzung Gegen eine zu starke Orientierung an Normen gibt es auch Einwände. Der Innovationsökonom Prof. Uwe Cantner weist darauf hin, dass Standards zwar Systemkompatibilität schaffen, zugleich aber Innovationsräume einengen können. Zudem seien Überprüfungszyklen von fünf Jahren in vielen Technologiefeldern zu lang, da Innovationszyklen kürzer geworden seien. Er plädiert für Anreize zur Übererfüllung von Standards und für Mechanismen, mit denen der Stand der Technik schneller verbessert wird. Diese Kritik wurde in München nicht grundsätzlich zurückgewiesen. Vielmehr ging es um die Frage, wie Normung dynamischer werden kann. Moderne technische Standards müssten lernfähig sein, neue Verfahren schneller aufnehmen und Innovationen nicht auf Mindestanforderungen begrenzen. Für die Chemieindustrie wäre das besonders wichtig, da neue Sortiertechnologien, chemisches Recycling, KI-gestützte Qualitätsprüfung und digitale Materialpässe schneller in anerkannte Regelwerke überführt werden müssten. Wasser als Industrie- und Standortfaktor Neben Sekundärrohstoffen rückte auch Wasser stärker in den Mittelpunkt. In einer BDE-Runde mit Sascha Roth und Thomas Beutel wurde deutlich, dass Wasser nicht nur als kommunale Daseinsvorsorge betrachtet werden sollte. Wasser ist Prozessmedium, Energieträger, Stoffstrom und Standortfaktor. Für die Chemie, Pharmaindustrie, Halbleiterproduktion, Lebensmittelwirtschaft, Batteriezellfertigung und Rechenzentren ist eine verlässliche Wasserversorgung ebenso wichtig wie Energie und Rohstoffe. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Wasseraufbereitung, Spurenstoffentfernung, vierte Reinigungsstufe, Produzentenverantwortung und Wasserwiederverwendung. Die Diskussion auf der IFAT zeigte damit eine breitere industriepolitische Linie: Deutschland und Europa sprechen viel über seltene Erden, Energieversorgung, Chips und strategische Rohstoffe. Wasser und Sekundärrohstoffe gehören in dieselbe Kategorie. Beide entscheiden über Versorgungssicherheit, Resilienz und industrielle Wertschöpfung. Forderung an Politik und EU Aus Sicht der Experten reicht es nicht aus, Kreislaufwirtschaft über Quoten und politische Zielvorgaben zu steuern. Erforderlich seien verbindliche Normungslinien, klare Abfallende-Regeln, steuerliche Anreize für Rezyklate und Wiederverwendung sowie ein europäischer Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe. Für die Politik ergibt sich daraus ein konkreter Handlungsauftrag: Normung darf bei Entbürokratisierung nicht pauschal geschwächt werden. Im Gegenteil: Gerade in technisch komplexen Bereichen können Standards Verwaltung entlasten, Märkte schaffen und Innovationen skalierbar machen. Entscheidend ist, dass Normen schneller aktualisiert, stärker europäisch harmonisiert und enger mit Industrie, Wissenschaft und Behörden entwickelt werden. Die Chemieindustrie wäre von einer solchen Normenpolitik unmittelbar betroffen. Sie ist Anwenderin von Sekundärrohstoffen, Lieferantin von Aufbereitungschemikalien, Betreiberin wasserintensiver Prozesse und Entwicklerin neuer Recycling- und Separationsverfahren. Ohne verlässliche Standards bleiben viele Kreislauflösungen im Pilotmaßstab. Mit belastbarer Normung könnten sie zu industriellen Märkten werden. Siehe auch: https://www.linkedin.com/pulse/die-kreislaufwirtschaft-scheitert-fehlenden-normen-gunnar-sohn-myoie PM: Gunnar Sohn / https://gunnarsohn.com/ PB: Gunnar Sohn Weitere Beiträge:1 Jahr AKW-Aus: Erneuerbare ersetzen weggefallenen Atomstrom vollständigAllgäuer Unternehmer inspiriert Ruhrgebiets-Hochschule in Sachen NachhaltigkeitElektroroller gewinnt German Design Award