Werbung Neue Windkraftprojekte: Oberste Priorität muss es sein, Planungssicherheit zu schaffen Finanzierungen Windenergie Windparks 4. Mai 2026 Hinweis: Die Bildrechte zu den Beitragsfotos finden Sie am Ende des Artikels Die Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), Bärbel Heidebroek, spricht im Interview mit energate (27. April 2026) über Investitionssicherheit für Windkraftprojekte, den dringend notwendigen Netzausbau und die Defizite der aktuellen Gesetzespläne der Bundesregierung. (WK-intern) – Die Fragen stellte Michael Hahn. energate: Frau Heidebroek, der Ausbau der Windenergie in Deutschland läuft aktuell gut: hohe Genehmigungszahlen, viel Zubau. Ist das ein nachhaltiger Aufschwung, oder droht bald wieder ein Einbruch? Heidebroek: Wir sind in einer sehr guten Ausgangsposition. Die Genehmigungszahlen haben sich dank der Ampelregierung positiv entwickelt – mit Beschleunigungsgebieten und dem überragenden öffentlichen Interesse. Viele europäische Länder beneiden uns um diese Regelungen. Die Flächenausweisungen in den Bundesländern waren ein großer Wurf. Nun haben wir zwar starken Wettbewerb in den Ausschreibungen, aber das war ja auch das Ziel. Die Industrie steht bereit, die Genehmigungen wurden erteilt, und auch logistische Engpässe sind bewältigbar. Sorgen bereiten uns allerdings die geleakten Gesetzesentwürfe, etwa zum sogenannten Netzpaket, die Investitionssicherheit gefährden könnten. Das wäre gerade jetzt fatal. energate: Sehen Sie derzeit Vorzieheffekte, weil ab 2027 Contracts for Difference kommen sollen? Heidebroek: Nein, das glaube ich nicht. Projektierer bringen ihre Projekte in die Ausschreibung, sobald sie so weit sind. Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass vor 2027 eine Welle von Genehmigungen vorgezogen wird. Die Genehmigungszahlen sprechen eine andere Sprache. energate: Einige Projektierer sind in der jüngeren Vergangenheit in Schieflage geraten, weil viele Projekte keinen Zuschlag erhielten. Kommt das von der Bundesregierung angekündigte zusätzliche Ausschreibungsvolumen von zwölf GW noch rechtzeitig? Heidebroek: Nur wenn die Bundesregierung zügig die Weichen dafür stellt. Eigentlich müssten erste Ausschreibungen noch in diesem Jahr erfolgen. Umso besorgniserregender ist es, dass das Wirtschaftsministerium in seinem aktuellen Entwurf des EEG die im Klimaschutzprogramm bereits beschlossenen zusätzlichen zwölf Gigawatt nicht berücksichtigt. Dieser Fehler muss im weiteren Gesetzgebungsverfahren korrigiert werden. Der Wettbewerb ist zurzeit extrem stark, der Preisdruck hoch. Manche Projekte rechnen sich bei den aktuellen Zuschlagswerten nicht mehr, über die Hälfte erhält derzeit keinen Zuschlag. Mehr Ausschreibungsvolumen würde daher helfen. Die Bundesregierung muss hier zu ihrem Wort stehen und schnell für Planungssicherheit sorgen. energate: Die Zuschlagswerte sind zuletzt stark gesunken. Mancher Projektierer rechnet damit, dass sie wieder steigen und hält sich deshalb bei den Auktionen zurück. Rechnen Sie mit einem Anstieg? Heidebroek: Das ist schwer zu sagen. Der gewichtete Durchschnitt lag zuletzt bei rund 5,5 Cent pro Kilowattstunde, das ist schon knapp. Manche Projekte rechnen sich bei diesem Wert, andere nicht. Daher sehen wir aktuell auch eine Konsolidierung im Markt. Wichtig ist aber: Wir liegen damit unter dem aktuellen Börsenpreis, der zwischen acht und zehn Cent liegt. Ein leichtes Ansteigen der Zuschlagswerte würde allerdings für Entspannung sorgen und auch weniger windstarken Regionen helfen. Denn wir brauchen den flächendeckenden Ausbau in ganz Deutschland. energate: Beim Ausbau besteht weiterhin ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Könnte sich das ändern? Heidebroek: Ja, in Bayern platzt bei den Genehmigungen der Knoten. Die Politik will dort den Ausbau der Windenergie, das war lange anders. Die Zeit der 10H-Politik ist vorbei. Wir werden viele Genehmigungen sehen, die in Ausschreibungen gehen. Entscheidend ist dann, ob diese Projekte auch Zuschläge bekommen, denn an windschwächeren Standorten ist der Kostendruck höher. Das Referenzertragsmodell hilft hier, wir begrüßen, dass es erhalten bleiben soll. Man kann es an einzelnen Stellen nachjustieren, aber grundsätzlich ist es wichtig für einen flächendeckenden Ausbau. energate: Ein stärkerer Ausbau im Süden würde auch Netzengpässe entschärfen. Heidebroek: Ganz klar. Es ist volkswirtschaftlich sinnvoll, dort zu bauen, wo der Strom gebraucht wird. Der Ausbau im Norden war zunächst logisch, weil dort die besten Windverhältnisse herrschen. Im Süden haben wir viel Photovoltaik, die tagsüber Strom liefert, aber nachts nicht. Wind ist hier der ideale Partner, um eine hohe Netzauslastung zu erreichen. Die Alternative wäre, immer mehr Strom aus dem Norden in den Süden zu transportieren. energate: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat zuletzt wiederholt von „weggeworfenem Strom“ gesprochen. Wie ordnen Sie das ein? Heidebroek: Die Ministerin hat mit falschen Zahlen argumentiert. Natürlich wollen wir Abregelung so gut es geht vermeiden. Der größte Teil der Redispatch-Kosten entsteht aber nicht, weil Windanlagen abgeregelt werden, sondern weil konventionelle Kraftwerke im Süden hochgefahren werden müssen. Würde man mehr Windanlagen dort bauen, wo der Verbrauch stattfindet, könnten diese Kosten deutlich sinken. Wir hätten auch Lösungen, überschüssigen Strom lokal zu nutzen oder zu speichern, aber die derzeitigen Regelungen machen das praktisch unmöglich, weil sie zu bürokratisch sind. energate: Was stört Sie am geplanten Redispatch-Vorbehalt? Heidebroek: Redispatch an sich ist normal und volkswirtschaftlich sinnvoll, ein Netz kann nicht für jede Lastspitze ausgelegt werden. Das Problem ist der Vorbehalt, wonach neue Anlagen unter Umständen keinen Entschädigungsanspruch mehr hätten. Das zerstört jede Kalkulierbarkeit. Wenn ich nicht weiß, wie oft meine Anlage abgeregelt wird und ob ich dafür entschädigt werde, kann ich den Ertrag nicht berechnen – und dann finanziert keine Bank den Windpark. Statt Redispatch-Vorbehalt brauchen wir deshalb einen schnelleren Ausbau für digitalisierte, bestmöglich ausgelastete Netze. Derzeit arbeiten wir mit Netzen aus dem letzten Jahrtausend. energate: Auch das EEG steht vor einer großen Reform. Ab 2027 müssen etwa Contracts for Difference eingeführt werden. Reicht die verbleibende Zeit noch aus? Heidebroek: Das wird zeitlich sehr eng. Die CfDs müssen kommen, sonst sind zum 1. Januar 2027 keine EU-konformen Ausschreibungen mehr möglich. Der vorliegende EEG-Entwurf enthält dafür zwar eine Grundlage, liefert aber in zentralen Punkten noch zu wenig. Entscheidend ist, dass ein realistischer Korridor zwischen Zuschlags- und Abschöpfungswert geschaffen und der PPA-Markt gestärkt wird. Gerade hier greifen die aktuellen Pläne zu kurz. Der Gesetzesentwurf setzt bislang zu wenig Anreize für mehr Marktwirtschaftlichkeit in der Windenergie und schenkt wichtigen Instrumenten wie der Direktbelieferung zu wenig Aufmerksamkeit. Das erschwert Investitionsentscheidungen. Oberste Priorität muss es daher sein, Planungssicherheit zu schaffen. Wenn sich Betreiber frühzeitig endgültig zwischen PPA oder EEG entscheiden müssen, kann eine Finanzierungslücke entstehen. Es braucht deshalb eine begrenzte Wechselmöglichkeit und stabile Absicherungsinstrumente. energate: Kommen auch kleinere Akteure mit CfDs zurecht? Heidebroek: Das System ist insgesamt komplexer geworden, das belastet kleinere Akteure stärker. Wichtig ist, dass die Regeln so einfach wie möglich bleiben. Dann sind sie auch für kleinere Projektierer handhabbar. energate: Netzanschlüsse gelten zunehmend als Engpass. Was läuft hier grundsätzlich falsch? Heidebroek: Das Windhundprinzip – wer zuerst kommt, mahlt zuerst – ist nicht mehr zeitgemäß. Es kann nicht sein, dass ein Rechenzentrum, das Strom verbraucht, denselben Vorrang hat wie ein Windpark, der Strom liefert. Es ist absurd, wenn ein Stromlieferant und ein Großverbraucher um den Netzanschluss direkt konkurrieren. Wir brauchen eine Priorisierung nach Projektreife und volkswirtschaftlichem Nutzen. Außerdem müssen Netzbetreiber transparenter kommunizieren, was technisch möglich ist, um eine Antragsschwemme zu vermeiden. energate: Die Übertragungsnetzbetreiber fordern politische Kontingente für Netzanschlüsse. Finden Sie das sinnvoll? Heidebroek: Ich halte starre Kontingente für schwierig. Natürlich wollen Netzbetreiber klare Regeln, um Klagen zu vermeiden. Aber Entscheidungen müssen flexibel und regional getroffen werden. Windparks sind standortgebunden, ein Rechenzentrum hingegen kann leichter verlagert werden. Pauschale politische Quoten würden nicht zur Realität passen. energate: Wie stehen Sie zum geplanten Neubau von Gaskraftwerken im Rahmen der Kraftwerksstrategie? Heidebroek: Einige Gaskraftwerke sind in Ordnung, aber sie werden nie günstig sein, weder für den Staat noch für Verbraucher. Wir sollten sie nur dort einsetzen, wo es unbedingt nötig ist, und Alternativen wie Speicher oder Biogas ausbauen. Weniger Gas bedeutet mehr Unabhängigkeit und geringere Kosten. Die Sehnsucht nach der alten Energiewelt ist menschlich, aber sie führt uns nicht weiter. Die Rückkehr zum Alten oder auch kleine modulare Atomkraftwerke sind keine realistischen Lösungen – technisch wie wirtschaftlich. Wir müssen die neue Energiewelt annehmen. energate: Wenn Sie drei Maßnahmen nennen dürften, die die Bundesregierung jetzt dringend umsetzen sollte, welche wären das? Heidebroek: Erstens: Netzausbau und Digitalisierung. Wir brauchen moderne, intelligente Netze und die Möglichkeit, Energie auch vor dem Netzverknüpfungspunkt sinnvoll zu nutzen. Zweitens: Investitionssicherheit, also klare, verlässliche Rahmenbedingungen statt politischem Hin und Her. Drittens: Zukunftsorientierung. Die Regierung muss den eingeschlagenen Kurs zur Elektrifizierung und Dekarbonisierung fortführen, statt immer wieder Zweifel zu säen. Nur so investiert die Industrie. Und auch die Menschen im Land verdienen es, dass die Politik ihnen nicht vorgaukelt, man könne in der Vergangenheit verharren. energate: Der EU-Industrieakt soll die heimische Branche stärken. Reicht das? Heidebroek: Leider nicht. In der derzeitigen Ausgestaltung schützt der Industrieakt die europäische Wertschöpfung nur unzureichend. Dabei ist das Thema Cybersicherheit zu Recht wichtiger geworden. Jeder Hersteller hat Zugriff auf seine Anlagen. Ein hoher Anteil außereuropäischer Technik wäre ein massives Sicherheitsrisiko. Deshalb müssen wir Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Know-how in Europa halten und auf europäische Hersteller setzen. energate: Der chinesische Hersteller Ming Yang ist kürzlich dem Offshore-Verband BWO beigetreten. Könnten solche Unternehmen auch beim BWE Mitglied werden? Heidebroek: Nein. Wir haben eine klare Linie: Mitglieder mit stark nicht-europäischem Schwerpunkt nehmen wir nicht auf. Das ist auch in unserer Satzung verankert. Wir wollen als Verband glaubwürdig europäische Interessen vertreten – das wäre mit solchen Mitgliedern nicht möglich. energate: Gibt es Chancen, dass abgewanderte Windindustrie wieder nach Deutschland zurückkehrt, etwa die Rotorblattfertigung? Heidebroek: Konkrete Anzeichen gibt es derzeit nicht. Eine Rotorblattfertigung hängt stark von Standort, Logistik und Typenvielfalt ab. Wichtig ist mir, dass die bestehende Zulieferindustrie hierbleibt. Wir müssen europäisch denken und auch mit Staaten wie der Türkei zusammenarbeiten. Hauptsache, die Wertschöpfung bleibt in demokratischen und sicheren Strukturen. energate: Früher waren Transport und Logistik oft ein Engpass. Ist das heute noch ein Problem? Heidebroek: Die Transportgenehmigungen laufen inzwischen deutlich besser. Wenn die aktuellen Zuschläge umgesetzt werden, wird es sicherlich wieder Engpässe geben, aber das ist normales Branchengeschehen. Die Hersteller sind grundsätzlich lieferfähig, sofern sie Planungssicherheit haben. Die größte Baustelle ist die politische Unsicherheit. Solange niemand weiß, wo die Reise hingeht, wird nicht investiert. Deshalb hoffen wir, dass die Bundesregierung jetzt rasch verlässliche Rahmenbedingungen schafft. PM: Bundesverband WindEnergie e. V. PB: Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbandes WindEnergie e.Verein Weitere Beiträge:BlueFloat Energy wird Taiwans ersten schwimmenden Offshore-Windpark errichtenTÜV SÜD richtet mit neuem Standort in Rostock den Fokus auf die Offshore-Windindustrie in Nord- und ...Neuartige numerische Simulationsmethoden für resiliente Wasserstoffnetze