Forschungsprojekt schafft neue Grundlagen zur Bewertung der Bioökonomie

In einem bundesweiten Projekt untersuchen Forscherinnen und Forscher, wie stark die Umwelt durch die sogenannte Bioökonomie belastet wird.

(WK-intern) – Ziel ist eine Gesamtbilanz der ökologischen und sozio-ökonomischen Auswirkungen der Bioökonomie für die gesamte Bundesrepublik.

Unter Bioökonomik versteht man den Teil der Wirtschaft, der biogene Produkte erzeugt, verarbeitet, konsumiert und verwertet: angefangen von der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei über die Verarbeitung von Nahrungsmitteln, nachwachsenden Rohstoffen, die Nutzung biotechnologischer Verfahren oder das Möbelhandwerk bis zum Abfallmanagement und der Gewinnung von Bioenergie.

Im Projekt SYMOBIO (Systemisches Monitoring und Modellierung der Bioökonomie) geht es um die einheimische und die weltweite Produktion für den deutschen Markt.

Mehrere Forscherteams untersuchen die Folgen für die Umwelt von Produkten aus Biomasse – darunter fallen etwa Biodiesel oder auch Nahrungsmittel wie Margarine. Dabei erfassen die Forscherinnen und Forscher alle Phasen von der Landgewinnung für Ackerflächen über die Produktion, die Verarbeitung und den Einsatz der Produkte bis hin zur Abfallentsorgung. Es geht weniger um die Bewertung einzelner Produkte als vielmehr um die Erfassung der gesamten Ressourcennutzung, Umwelt- und Klimabelastung durch die biobasierten Wirtschaftsbereiche und die gesamte Wirtschaft.

Geleitet wird das Forschungskonsortium, bestehend aus acht Forschungseinrichtungen und Unternehmen, von Prof. Dr. Stefan Bringezu, Professor für Nachhaltiges Ressourcenmanagement und Direktor am Center for Environmental Systems Research (CESR) der Universität Kassel. Bringezu: „Eine bloße Energiewende, also die Reduktion von Treibhausgasen, reicht nicht, um nachhaltig zu wirtschaften und die Umwelt zu schonen. Wir benötigen zugleich eine Ressourcenwende – und das heißt, dass wir ökologischer wirtschaften müssen und insgesamt weniger Ressourcen verbrauchen dürfen. Dazu benötigen wir bessere Informationen über die Auswirkungen unseres Wirtschaftens und das Einhalten normativer Grenzen.“ Beispielsweise soll SYMOBIO klären, inwieweit der steigende Einsatz agrarischer Rohstoffe und die damit verbundene wachsende Flächenumwandlung in tropischen Regionen mit den Zielen der UN-Konvention zum Schutz der Biodiversität in Einklang stehen. Auch fragen die Forscher, wie viel Prozent des weltweiten Ackerlands die Deutschen für ihren Konsum nutzen und welchen Einfluss sie damit auf die Umwelt weltweit nehmen.
Das Projekt untersucht ebenfalls, wie zum Beispiel der Wasserverbrauch beim Anbau von Importen nach Deutschland zu bewerten ist, je nachdem wieviel Wasser in den Herkunftsregionen verfügbar ist. Die steigende Nachfrage nach Holz wird mit dem Wachstum der Wälder im In- und Ausland verglichen, das nachhaltig geerntet werden kann. So entstehen unterschiedliche Modelle, die künftig in Politik und Wirtschaft für ein systematisches Monitoring genutzt werden könnten. „Wir wollen den Überblick über die Bioökonomie zurückgewinnen, indem wir das ganze System betrachten und nicht nur einzelne Produkte“, so Bringezu.

Am Beispiel des Biodiesels erklärt Bringezu: „Biokraftstoffe werden aufgrund ihrer Produktökobilanz gefördert. Diese Bilanz greift aber häufig zu kurz.“ So müsste auch die Neueinrichtung von Anbauflächen in die Bewertung einbezogen werden. „In Indonesien beispielsweise werden auch Torfböden für den Anbau von Ölpalmen für Biodiesel nutzbar gemacht. Durch die Trockenlegung kommen die bisher im Nassen gelagerten Pflanzenreste in Kontakt mit dem Luftsauerstoff und oxidieren zu CO2.“ Am Ende werde so für den Diesel aus Palmöl bis zu 20 mal so viel an Treibhausgasemissionen freigesetzt im Vergleich zum konventionellen Diesel. Die bestehenden Zertifzierungsverfahren für ausgewählte Produkte wie reguläre Importe von Biodiesel würden zwar eine direkte Nutzung von torfbasierten Primärwäldern ausschließen. Sie könnten die indirekte Nutzung aber nicht verhindern, so lange die Gesamtnachfrage nach Palmölprodukten wächst. „Nicht alles, was Bio ist, ist also automatisch auch gut für die Umwelt. Oftmals erleben wir eine Verschlimmbesserung“, mahnt Bringezu.

Gefördert wird das Projekt SYMOBIO vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt 3 Millionen Euro. An die Universität Kassel gehen davon 1,13 Millionen Euro. Das Projekt läuft noch bis Februar 2020.

Projektpartner:

Universität Kassel, Center for Environmental Systems Research (CESR)
Universität Kassel FB 11 Ökologische Agrarwissenschaften www.uni-kassel.de/fb11/
Helmholtz Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), www.ufz.de
Deutsches Biomasseforschungszentrum (DBFZ), www.dbfz.de
Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung mbH (GWS), www.gws-os.com
Öko- Institut e.V., www.oeko.de
INFRO Informationssysteme für Rohstoffe, www.infro.eu
MEO Carbon Solutions GmbH, www.meo-carbon.com
IFEU – Institut für Energie und Umwelt, www.ifeu.de

Foto von Prof. Dr. Stefan Bringezu (Foto: privat)

PM: Universität Kassel

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