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188 Fässer: Fast ein Drittel der rostige Atommüllfässer ist geborgen

Eins von mehr als 200 beschädigten Atommüllfässern im Zwischenlager von Vattenfall / Pressebild 2012

Rostige Atommüllfässer im Kernkraftwerk Brunsbüttel: Zwei von sechs Kavernen vollständig geräumt

(WK-intern) – Die Bergung rostiger Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen im Kernkraftwerk Brunsbüttel kommt voran.

BRUNSBÜTTEL/KIEL. Zwei von sechs unterirdischen Lagerstätten (“Kavernen”) sind inzwischen vollständig geräumt.

“Fast ein Drittel der Fässer ist geborgen, zwei Kavernen sind leer und gereinigt und werden verschlossen. Das ist ein wichtiger Zwischenschritt. Er war auch deshalb möglich, weil die Vorbereitung – von der gründlichen Kamerainspektion bis hin zur Freigabe des Bergungskonzeptes – gut war”, sagte Umweltminister Robert Habeck.

In den beiden geräumten Kavernen hatten sich 188 Fässer befunden, die nun von der Vattenfall-Betreibergesellschaft geborgen wurden und sukzessive in “endlagerfähige” Behälter eingestellt werden. Sieben dieser sogenannten Konrad-Container sind bereits vollständig abgefertigt und in die Transportbereitstellungshalle verbracht. Soweit notwendig, wird jedes Fass nach der Bergung zur Reduzierung von Restfeuchte nachgetrocknet. Aus den übrigen vier Kavernen sind noch insgesamt weitere 444 teilweise korrodierte Fässer zu bergen.

Kavernen sind baulich intakt
Die beiden jetzt geräumten Kavernen wurden nach Entfernung der Lagergestelle gereinigt, dekontaminiert und – nach Abnahme durch die Atomaufsicht (Energiewendeministerium) in Abstimmung mit der Obersten Bauaufsicht (Innenministerium) – verschlossen. Zuvor hatten Bausachverständige im Auftrag der Atomaufsicht die jetzt vollständig einsehbare Kavernenstruktur abschließend begutachtet; Zweifel an deren Integrität und Standsicherheit ergaben sich dabei nicht. Die geräumten Kavernen werden dennoch in Zukunft nicht mehr zur Aufbewahrung von Fässern mit radioaktiven Abfällen genutzt.

Zu den Bergungsmaßnahmen hatte die Atomaufsicht strenge Sicherheits- und Strahlenschutzvorkehrungen getroffen. Atomaufsicht und von ihr hinzugezogene Sachverständige überwachen die Arbeiten.

Die Bergungsmaßnahmen hatten im Februar 2016 begonnen, nachdem die Atomaufsicht das Bergungskonzept Vattenfalls unter Auflagen gebilligt hatte. Zu dem Konzept gehört u.a. der Einsatz unterschiedlicher Greif- und Hebewerkzeuge, die für diese Fässerbergung teilweise eigens konzipiert und hergestellt werden mussten.

Atomaufsicht: Bergungskonzept hat sich bewährt
Wie erwartet, verlief die Bergung – abhängig von der Schwere der Korrosion – nicht immer problemlos. Bei einigen Fässern waren Fasswände zerstört oder Fasskonturen sowie die Übergänge zwischen einzelnen Fässern nicht mehr erkennbar. Schwach- bis mittelradioaktives Verdampferkonzentrat klebte an Fassstapeln und manche Fässer waren nicht zentrisch übereinander abgestellt. In einem Einzelfall verkantete sich ein beschädigtes Fass und ließ sich nur mit erheblichem Zeitaufwand in das Überfass stellen.

“Nach den bisherigen Erfahrungen hat sich das Bergungskonzept bewährt”, teilte der Leiter der Atomaufsicht Dr. Dr. Jan Backmann mit. Gesundheitsgefährdungen für das eingesetzte Personal seien nicht aufgetreten. Die Greif- und Hebewerkzeuge hätten sich auch für die am stärksten beschädigten Fässer als geeignet erwiesen.

Bergungsarbeiten werden sich voraussichtlich bis 2018 erstecken
“Dennoch hat die Atomaufsicht die Betreibergesellschaft um einen ausführlichen Bericht gebeten, der im Hinblick auf die Bergungsarbeiten in den vier anderen Kavernen ausgewertet werden soll”, so Jan Backmann weiter. Auch dort hatten die von der Atomaufsicht angeordneten Inspektionen an Fässern zum Teil schwere Korrosionsschäden gezeigt. Der Schweregrad der Korrosion lässt sich nicht in jedem Einzelfall exakt prognostizieren. Zum Beispiel lagern in einer der noch zu räumenden Kavernen auch Fässer liegend in Mulden. Diese Fässer konnten nicht vollständig per Kamera inspiziert werden. Deshalb wird jedes Fass vor seiner Bergung noch einmal gesondert inspiziert und erst auf Basis dieser Erkenntnis die konkrete Handhabung festgelegt. Die Erfahrungen werden laufend ausgewertet.

Es ist damit zu rechnen, dass die weiteren Bergungsarbeiten sich noch bis ins Jahr 2018 erstrecken werden. Die nächsten zwei Kavernen, die geräumt werden, enthalten insgesamt 194 Fässer.

Hintergrund:

In sechs unterirdischen Lagerstätten (“Kavernen”) des Kernkraftwerks Brunsbüttel hatte die Betreibergesellschaft ursprünglich 632 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen aufbewahrt. Es handelte sich im Wesentlichen um Filterharze und Verdampferkonzentrate aus dem Leistungsbetrieb, der im Jahre 1977 begonnen hatte. Die Betreibergesellschaft hatte damit gerechnet, diese Abfälle bereits Mitte bis Ende der 1990er Jahre in das bundesweite Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter bringen zu können. Das Lager steht jedoch bis heute noch nicht zur Verfügung.

Im Januar 2012 stellten Sachverständige der Atomaufsicht Korrosionserscheinungen an einem der Fässer fest. Integrität und Tragfähigkeit der Fassstruktur waren seitdem auch in Bezug auf alle anderen Fässer in den Kavernen in Zweifel zu ziehen. Mit umfangreichen Inspektionsmaßnahmen unter Einsatz einer speziell angefertigten Kamera wurden die Fässer in den sechs Kavernen untersucht. Anschließend legte die Betreibergesellschaft ein Bergungskonzept vor und beschrieb darin u.a. besondere Bergungseinrichtungen (z.B. Umfanggreifer, lüftungstechnische Einhausung), die den schwierigen Verhältnissen vor Ort gerecht werden sollen. Das Konzept, dem die Atomaufsicht im Februar 2015 unter Auflagen zustimmte, wird im Bedarfsfall laufend optimiert. Nach Umsetzung aller Vorbereitungsmaßnahmen nahm Vattenfall ein Jahr später die Bergungsarbeiten auf.

Das Bergungskonzept teilt die Fässer abhängig vom jeweiligen Grad der Beschädigung, der mit den Kamerainspektionen ermittelt worden war, in 5 Kategorien ein:

. Kategorie 1: Fässer ohne äußerlich erkennbare Auffälligkeiten
. Kategorie 2: Fässer mit geringfügigen äußerlich erkennbaren Auffälligkeiten
. Kategorie 3: Fässer mit mittelschweren äußerlich erkennbaren Auffälligkeiten (z. B. mittelstarke Ablagerungen, mittelstarke Korrosion)
. Kategorie 4: Fässer mit erkennbar starken Schädigungen (z. B. großflächige Korrosion, starke Spaltkorrosion, Mediumsaustritt, Ablagerungen am Übergang zweier Fässer und Fehlstellen)
. Kategorie 5: Fässer mit besonderen Auffälligkeiten (z. B. Stauchungen, Deckelauffälligkeiten, Spannringauffälligkeiten).

Die Untersuchungen an den bisher geborgenen Fässern bestätigten die Ergebnisse der Kamerainspektionen und damit die Einordnung in diese Kategorien im Wesentlichen.

Das Konzept enthält außerdem

. Angaben zu den radiologischen Anforderungen, z.B. zur Dosisminimierung des Personals
. Angaben zur lüftungstechnischen Einhausung über den Kavernen
. Angaben zu den Greif- und Handhabungstechniken
. Angaben zur Handhabung der Filterkonzentrat- und Verdampferkonzentratfässer
. Angaben zu den logistischen Rahmenbedingungen (z.B. Herstellung endlagerfähiger Gebinde, Pufferlagerung).

Die lüftungstechnische Einhausung der Kavernen dient auch dem Strahlenschutz des bei der Bergung eingesetzten Betreiberpersonals. Dazu wird mit Hilfe einer mit reißfester Folie verkleideten Aluminiumrohrkonstruktion ein lüftungstechnisch abschließbarer Handhabungsbereich geschaffen, der jeweils zwei offene und zur Hälfte zwei geschlossene Kavernen abdeckt. Der Einschluss radioaktiver Stoffe erfolgt durch eine allseitige Umschließung und Unterdruckhaltung des Arbeitsbereiches. Durch eine gerichtete Strömung mit einer gefilterten Abluft lassen sich die Folgen einer eventuellen Freisetzung in das Feststofflager des Kernkraftwerks sicher begrenzen.
Die Fässer mit Verdampferkonzentrat werden in einer Trocknungsanlage nachgetrocknet und in endlagerfähige Behälter gestellt. Der Inhalt der Fässer mit Filterkonzentrat wird ggf. nachgetrocknet und anschließend mittels einer Pulverharz-Umsauganlage ebenfalls in endlagerfähige Container befördert.

Die Kavernen befinden sich im Keller des sog. Feststofflagers. Sie bilden mit Betonwänden und Abdeckungen aus Betonriegeln die Barriere, um die Umwelt vor Strahlung zu schützen. So sind sie durch 110 Zentimeter dicke Betonriegel nach oben hin abgeschirmt. Diese Betonriegel reduzieren die Strahlung so weit, dass oberhalb der Kaverne unter Strahlenschutzmaßnahmen gefahrlos gearbeitet werden kann.

Die Kavernen sind nur von oben zugänglich. Das Entfernen der Betonriegel und die Arbeiten an den geöffneten Kavernen sind im Hinblick auf den Schutz des Bedienungspersonals und der Bevölkerung unbedenklich. Die Einhaltung der Strahlenschutzvorschriften (wie Betonabschirmungen, Fernbedienung, vorsorglicher Atemschutz) wird von der Atomaufsicht unter Hinzuziehung von Sachverständigen überwacht.

Die Abfälle sind auf die Endlagerung im niedersächsischen “Schacht Konrad” vorzubereiten, u.a. durch Verpackung aller Abfälle in bauartgeprüfte, speziell zugelassene Behälter. Das Endlager Konrad wird voraussichtlich Anfang des kommenden Jahrzehnts zur Verfügung stehen. Bis dahin sollen die Fässer am Standort Brunsbüttel gelagert werden, zunächst in den bereits bestehenden Transportbereitstellungshallen, dann in einem neu zu errichtenden Zwischenlager für schwach- bis mittelradioaktive Abfälle (“LasmA”), das im Zuge des beantragten Rückbaus des Kernkraftwerks entstehen soll.
Das Kernkraftwerk Brunsbüttel ist bereits seit 2007 dauerhaft abgeschaltet und befindet sich im Nachbetrieb. Die Stilllegung wird vorbereitet.

PM: Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume S-H

Pressebild von 2012: Eins von mehr als 200 beschädigten Atommüllfässern im Zwischenlager von Vattenfall

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