Anzeige:


Warum Bioenergie Fluch und Segen zugleich ist

Dr. Maria Backhouse leitet die neue Bioökonomie-Nachwuchsforschungsgruppe an der Universität Jena. Foto: Anne Günther/FSU

Neue Nachwuchsgruppe der Universität Jena erforscht Bioökonomie und soziale Ungleichheiten aus einer länderübergreifenden Perspektive

(WK-intern) – Mit Rapsöl Auto fahren, Biogas aus Gülle gewinnen und Plastiktaschen auf Pflanzenbasis produzieren.

Das klingt nach ökologischen und nachhaltigen Wirtschaftsformen und genießt ein positives Renommee.

Aber ist das weltweit die geeignetste Wirtschaftsform oder gibt es auch kritische (Neben-)Wirkungen, die zu bedenken sind, wenn Staaten ihre Wirtschaftspolitik auf Bioenergie ausrichten?

Mit dem großen Fragenkomplex der Bioökonomie beschäftigt sich eine neue Forschungsgruppe am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die jetzt ihre Arbeit aufgenommen hat. Unter der Leitung der Umweltsoziologin Dr. Maria Backhouse wird die sechsköpfige Nachwuchsgruppe in den nächsten fünf Jahren das Thema „Bioökonomie und soziale Ungleichheiten – Verflechtungen und Wechselbeziehungen im Bioenergie-Sektor aus transnationaler Perspektive“ (Bioinequalities) untersuchen. Das Bundesforschungsministerium (BMBF) fördert die Jenaer Gruppe im Rahmen des Programms „Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel“ mit rund 2,6 Millionen Euro.

Pflanzen zum Tanken statt für die Ernährung

In vielen Teilen Europas steht die Bioenergie im Mittelpunkt einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik und weltweit wird ihre Erzeugung ausgebaut. In Deutschland wird dieser Ausbau vom Staat vor allem durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert. Doch die Gewinnung von Bioenergie aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Holz, Palmöl oder Weizen, hat auch „Schattenseiten“. Pflanzen zum Tanken statt für die Ernährung einzusetzen, ist ein solcher Kritikpunkt, über den mittlerweile weltweit gestritten wird. „Deutschland hat nicht genug Flächen, um den eigenen wachsenden Biomassebedarf zu decken und ist auf Importe aus dem globalen Süden angewiesen. Dort entstehen nicht nur neue Einkommensmöglichkeiten, es ist auch mit negativen Entwicklungen zu rechnen: Landkonflikte, Verdrängung und Ausbeutung, die Minderheiten und Frauen besonders treffen“, weist Dr. Backhouse auf weitere Aspekte hin. Die sechs Jenaer Nachwuchskräfte werden der forschungsleitenden Frage nachgehen, wie sich die entstehende Bioökonomie auf transnationale soziale Ungleichheiten innerhalb und zwischen Westeuropa, Südamerika und Südostasien auswirkt.

Das Soziologie-Team, das mit Sozial-, Agrar- und Naturwissenschaften kooperieren wird, untersucht die sozialen und kulturellen Implikationen dieses Struktur- und Politikwandels. Fragen nach der Veränderung der sozialen Verhältnisse in den Ländern, aber auch zwischen den Staaten wollen sie exemplarisch durch Fallstudien in Brasilien, Indonesien und Deutschland beantworten. Diese werden mit übergreifenden Analysen transnationaler Verflechtungen verzahnt. Denn sog. Schwellenländer wie Brasilien und Malaysia gehören zu den großen „Playern“ in der Bioenergie. Wenn Bioenergie verstärkt genutzt wird, verändert dies auch die Bedeutung dieser Schwellenländer und damit die globalen Verhältnisse. Und so stellen sich die Soziologen auch wirtschaftspolitischen, -ethischen und politiktheoretischen Fragen, etwa zu veränderten Handelsbeziehungen und globalen Handelsregularien, zu Arbeits- und Landzugangsverhältnissen, zur politischen Mitbestimmung. Auch die Frage, wer die entsprechenden Technologien entwickelt, wird in den geplanten Studien untersucht. Diese empirischen Untersuchungen nehmen Akteure – aus Politik, Forschung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – sowie politische und normative Rahmensetzungen und nicht zuletzt polit-ökonomische Entwicklungen, wie Handel und Investitionen, in den Blick.

„Unser Ziel ist es, Zusammenhänge darzustellen, zum Beispiel die Energiesysteme nicht nur im deutschen Kontext zu betrachten“, erläutert Backhouse an einem Beispiel – und verweist auf aktuelle „grüne Strategien“ Chinas, also die internationale Perspektive, auf der das neue Forschungsprojekt basiert.

PM: Friedrich-Schiller-Universität Jena

Dr. Maria Backhouse leitet die neue Bioökonomie-Nachwuchsforschungsgruppe an der Universität Jena.
Foto: Anne Günther/FSU

Weitere Beiträge:



Top