Appell an EU: Last-Minute-Glyphosat-Bewertung von JMPR sollte nicht berücksichtigt werden

Foto der Aktion / pressebild: Global 2000
Bienensterben wird auf das Pestizid Glyphosat zurückgeführt / Foto: HB
Bienensterben wird auf das Pestizid Glyphosat zurückgeführt / Foto: HB

Offener Brief von GLOBAL 2000 an EU-28 verweist auf Interessenskonflikte und unerledigte Hausaufgaben

(WK-intern) – In einem offenen Brief verweist die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 auf gravierende Interessenskonflikte von leitenden Mitarbeitern der Arbeitsgruppe des Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR).

Dieses Gremium der FAO/WHO hatte gestern, für Beobachter wenig überraschend, nur zwei Tage vor der Abstimmung über die Neuzulassung von Glyphosat dem Pestizid einen Persilschein ausgestellt.

Der offene Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Sehr geehrte EntscheidungsträgerInnen!

Punktgenau zwei Tage vor der europäischen Entscheidung über eine Wiederzulassung von Glyphosat meldete sich gestern das „Joint Meeting on Pesticide Residues“ (JMPR) der FAO/WHO zu Wort und wiederholte im Wesentlichen seine schon 2004 und 2011 verkündete Einschätzung: Es sei „unwahrscheinlich, dass Glyphosat über die Ernährung ein Krebsrisiko für den Menschen darstelle“.

Aus folgenden Gründen raten wir dringend davon ab, diese „Last-Minute-Einschätzung“ des JMPR in Ihrer morgigen Entscheidung über ein mögliches Verbot von Glyphosat in der Europäischen Union zu berücksichtigen:

Das JMPR geriet 2015 WHO-intern in die Kritik, als die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO die Pestizide Diazinon, Malathion und Glyphosat als möglicherweise bzw. wahrscheinlich krebserregend identifiziert und eingestuft hatte. Denn das JMPR der FAO/WHO hatte diese Pestizide – unter Federführung von BfR-Mitarbeitern – zuvor bewertet und als unbedenklich eingestuft. Daher installierte die WHO eine “Task Force”, welche die Ursachen für Diskrepanz zwischen den Bewertungen der beiden WHO-Gremien untersuchen sollte. Deren Abschlussbericht kann durchaus als eine umfassende Kritik an der Arbeitsweise des JMPR gelesen werden: http://www.who.int/foodsafety/areas_work/chemical-risks/main_findings_and_recommendations.pdf?ua=1

Dennoch hat das JMPR es bislang verabsäumt, die Empfehlungen der WHO-Task-Force umzusetzen. So hat das JMPR es auch verabsäumt, seine internen Richtlinien und Kriterien für die Berücksichtigung bzw. die Nicht-Berücksichtigung wissenschaftlicher Studien neu festzulegen.

Das JMPR war in den vergangenen Jahren auch wiederholt mit dem Vorwurf mangelnder Transparenz und ungelöster Interessenskonflikte konfrontiert gewesen. Leider wurde auch die aktuelle Arbeitsgruppe zur Bewertung von Glyphosat offenbar von zwei Experten geleitet, die langjährige und enge Beziehungen zu der “Industrie-Lobby” ILSI (International Life Sciences Institute) unterhalten. ILSI wird von zahlreichen Industriekonzernen, darunter auch Glyphosat-Herstellern wie Monsanto und Dow, finanziert.

Im Gegensatz dazu basiert die IARC-Einstufung, dass Glyphosat “wahrscheinlich für den Menschen krebserregend“ ist, auf der transparenten und gründlichen Evaluierung der besten verfügbaren wissenschaftlichen Literatur durch 17 von der IARC einberufene internationale Experten, die keinen Interessenskonflikten unterlagen.

Daher erlauben wir uns, die Entscheidungsträger in der Europäischen Union nochmals an die möglichen Konsequenzen einer Wiederzulassung von Glyphosat durch den Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel zu erinnern:

1. Verletzung der Pestizidverordnung 1107/2009 und des in der EU-Verfassung verankerten Vorsorgeprinzips durch politische Entscheidungsträger

2. einen EU-weiten Anstieg maligner Non-Hodgkin-Lymphome, der zu verhindern gewesen wäre

3. Menschen, die ihrer Krebserkrankung auf die Exposition gegenüber Glyphosat zurückführen könnten, und politische EntscheidungsträgerInnen für ihre vorhersehbaren gesundheitlichen Schäden verantwortlich machen

Daher empfehlen wir dringend, am 18. und 19.Mai gegen eine erneute Zulassung von Glyphosat zu stimmen!

Weitere Informationen finden Sie in dem Offenen Brief vom 12.05.2016, der von 39 europäischen Umwelt-, Verbraucherschutz- und Ärzteorganisationen mitunterzeichnet wurde.

Mit freundlichen Grüßen,

Helmut Burtscher, Umweltchemiker und Vorstand von GLOBAL 2000

Informationen über die Interessenskonflikte innerhalb der JMPR:

https://www.global2000.at/presse/industrie-beziehungen-und-interessenskonflikte-werfen-schiefes-licht-auf-glyphosa

http://corporateeurope.org/food-and-agriculture/2016/05/busy-may-professor-boobis

http://www.greenpeace.org/eu-unit/en/News/2016/Industry-ties-JMPR-glyphosate/

GLOBAL 2000 wird heute um 10:30 Uhr nahezu 50.000 Unterschriften gegen die Neuzulassung von Glyphosat sowie den von 39 Organisationen unterfertigten offenen Brief an die 28 EU-Mitgliedsstaaten im Rahmen einer Aktion vor dem Landwirtschaftsministerium deponieren. Der Umweltchemiker DI Dr. Helmut Burtscher von GLOBAL 2000 wird ebenfalls vor Ort sein und für Fragen zur Verfügung stehen.

PM & Foto der Aktion: Global 2000

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