40 Jahre Energieforschung: Wie die Erneuerbaren aus der Nische kamen

Solarkraftwerk; Fotos-Aereas-Montaje-PSA-02_xl
Solarkraftwerk; Fotos-Aereas-Montaje-PSA-02_xl
Solarkraftwerk; Fotos-Aereas-Montaje-PSA-02_xl / DLR

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) feiert 2016 40 Jahre Energieforschung und lässt die Protagonisten der Anfangszeit zurück blicken.

Dr.-Ing. Gerd Eisenbeiß ist einer von ihnen. Er war von 1990 bis 2001 Programmdirektor für Energie- und Verkehrsforschung im DLR, anschließend Vorstand für Energie- und Materialforschung im Forschungszentrum Jülich.

Eisenbeiß hat an der Universität Karlsruhe Physik studiert und promoviert.

1973 ging er in die damalige Bundeshauptstadt Bonn, zunächst als Referent im Bundeskanzleramt, später im Bundesforschungsministerium. Dort war er mit den Themen Energietechnik, Energiepolitik und Informationstechnik betraut. Zudem war er in verschiedenen EU-Gremien in Brüssel für die europäische Zusammenarbeit in Forschungsangelegenheiten zuständig. Eisenbeiß war mehrfach Sprecher des Forschungsverbunds Solarenergie (FVS). 1996 wurde er von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie mit dem DGS-Solarpreis geehrt.

Wissenschaftsjournalist Tim Schröder im Gespräch mit Dr.-Ing. Gerd Eisenbeiß über die Anfänge der Energieforschung im DLR – und in ganz Deutschland

Herr Eisenbeiß, bevor Sie 1990 zum DLR kamen, waren Sie 17 Jahre lang in der Forschungspolitik tätig. Sie haben die Entwicklung der Energiepolitik und -forschung in Deutschland und Europa unmittelbar miterlebt und zum Teil mitgestaltet. Wie sah die Energiewelt damals aus? 

Als ich 1973 als Referent für Forschung ins Bundeskanzleramt kam, war Willy Brandt Bundeskanzler. Die Forschungsagenda der sozialdemokratischen Regierung hatte nur drei Schwerpunkte: Datenverarbeitung, Kernenergie und Raumfahrt. Die Kernenergie galt als die Lösung, um für alle Zukunft den wachsenden Energiebedarf zu decken. Regenerative Energien waren quasi nicht existent.

Dann aber kam es im Herbst 1973 zur Ölkrise – und die Welt sah plötzlich anders aus…

Richtig. Die Ölkrise führte der Menschheit die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe vor Augen. Plötzlich standen Themen wie der effiziente Umgang mit Energie und alternative Energien wie Sonne und Wind auf der Agenda. Das DLR, damals noch DFVLR (Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt e.V., d. Red.), konnte sich aus dem Stand in die Entwicklung dieser alternativen Technologien einbringen. Das Wissen aus der Entwicklung von Hubschrauberrotoren ließ sich direkt auf Windradflügel übertragen. Die Expertise aus der Entwicklung von Triebwerken wiederum konnte man für eine grundlegende Verbrennungsforschung und die Optimierung von Kraftwerken nutzen. Die DFVLR entwickelte zu der Zeit hervorragende Diagnosetechniken, um in das Innere der Flammen zu sehen. Das war so ziemlich einzigartig.

Bis sich die regenerativen Energien durchsetzen konnten, war es aber noch ein langer Weg.

Natürlich, aber die Forschung nahm an Fahrt auf. Auf Initiative des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger wurde als Gegengewicht zur OPEC in Paris die Internationale Energieagentur gegründet, eine wichtige Kooperationsplattform in Sachen Energietechnik bis heute. Die IEA startete damals in Almería in Spanien ein internationales Kooperationsprojekt zum Aufbau des ersten Solarkraftwerks – einer Anlage, in der mit Sonnenenergie Dampf erzeugt wird, der wiederum eine Turbine antreibt – eine für damalige Verhältnisse völlig neue Technologie. Die DFVLR übernahm die technische Leitung, musste aber, wie alle anderen auch, erst einmal Expertise aufbauen. Ich habe mich damals als Referatsleiter im Forschungsministerium dafür stark gemacht, das internationale Großprojekt in Almería finanziell zu unterstützen. Hinzu kam die Wasserstoffforschung. Hier konnte die DFVLR durch das Wissen über Raketenantriebe einiges beitragen.

1982 gewann die CDU mit Helmut Kohl die Bundestagswahl. Sie blieben in der Forschungspolitik, waren in EU-Gremien tätig und arbeiteten später eng mit Forschungsminister Heinz Riesenhuber zusammen. Wie entwickelte sich die Energiepolitik weiter? 

Die Erforschung von Sonnen- und Windenergie ging weiter voran. Nicht zuletzt in der DFVLR hatte sich auch die Wasserstoffforschung etabliert. Das Bundesforschungsministerium förderte die Idee von Wasserstoff, der mit Sonnenenergie erzeugt wird, bundesweit mit einem 100 Millionen DM schweren Programm. Letztlich gelangte man zu der Erkenntnis, dass “erneuerbarer” Wasserstoff als Brennstoff zu diesem Zeitpunkt trotz seines großen Potenzials, etwa im Autoverkehr, viel zu teuer war. Es war daher nicht verwunderlich, dass die Industrie damals noch kein Interesse an der Wasserstofftechnik hatte. Die Wasserstofftechnik war ihrer Zeit voraus.

Und wie erging es der Sonnen- und Windtechnik? 

1985 bat mich Herr Riesenhuber, ein Ranking von Energie-Technologien zu erstellen, die aus einem relativ kleinen Topf gefördert werden sollten. Ich schlug vor, zusätzlich je zehn Millionen DM in die solarthermischen Kraftwerke und die Geothermie zu stecken. Er lehnte ab. Das war ein Dämpfer. Ein Jahr später aber kam Tschernobyl, und das veränderte die Sicht auf die Dinge radikal. Riesenhuber erkannte sofort, dass ein politischer Richtungswechsel und mehr Geld für die Erforschung erneuerbarer Energien nötig waren. Tatsächlich sagte er sofort zusätzliche 50 Millionen DM zu. Und auch in den Folgejahren ging die Förderung weiter. Das rettete dann die Finanzierung der Forschung für solarthermische Kraftwerke auch im DLR.

Dann wurden Sie Programmdirektor für Energie- und Verkehrsforschung beim DLR – als jemand, der die Energieforschungspolitik sehr gut kannte. 

Das war von großem Vorteil. Ich wusste sehr genau, welche Art von Projekten überhaupt eine Chance auf Förderung hatte. Meine Verantwortung als Programmdirektor bestand ja nicht nur darin, Gelder zu verteilen und damit Forschungsschwerpunkte zu setzen, sondern auch Drittmittel einzuwerben, sowohl aus der Politik als auch der Industrie. Dazu braucht man eine industrienahe angewandte Forschung. Dementsprechend habe ich Projekte während meiner elf Jahre am DLR unterstützt – oder auch nicht.

Oder auch nicht? 

Die Windenergieforschung zum Beispiel. Sie war Anfang der Neunzigerjahre bereits so weit etabliert, dass andere Institutionen und auch die Industrie hier hervorragende Entwicklungsarbeit leisteten. Ich habe die Windforschung im DLR beendet. Und das hat sich als vernünftig erwiesen. Natürlich war das kein Hindernis, spezielle Kompetenzen der Werkstoffforschung oder der Aerodynamik punktuell in drittmittelfinanzierte Kooperationsprojekte einzubringen. Heute sind die DLR Kompetenzen in Sachen Wind wieder stärker gefragt. Das ist erfreulich und verdient Unterstützung.

Wie verhielt es sich mit dem Wasserstoff? 

Für Wasserstoff gab es auch in den Neunzigerjahren keinen Markt. Die Grundlagen waren erforscht, doch die Industrie hatte nach wie vor kein Interesse. Natürlich hat gerade das DLR hier bedeutende Forschungsarbeit geleistet – beispielsweise bei der Entwicklung der Brennstoffzelle. Ende der Achtzigerjahre hatten Forscher lange an einer Brennstoffzelle gearbeitet, die nur mit kohlendioxidfreier Luft arbeiten konnte – eine komplizierte und wenig praxistaugliche Technik. Am DLR wurde dann die Membran-Brennstoffzelle entwickelt, die bis heute eine der führenden Technologien ist. Dennoch konnte ich es nicht vertreten, die Wasserstofftechnik als die Lösung für die Energieversorgung von morgen zu feiern. Während einer öffentlichen Diskussion rutschte mir damals der Satz heraus “Wasserstoff ist so leicht, dass er einem leicht zu Kopfe steigt.” Die Wasserstoff-Befürworter haben mir das lange sehr übel genommen.

Welche Schwerpunkte haben Sie stattdessen gesetzt? 

Unter anderem Sonnenenergie und Verkehrsforschung, die ich ab 1996 aufbauen durfte. Ich bin stolz darauf, die Solarforschung im DLR vorangetrieben zu haben. In den letzten Jahren als DLR-Programmdirektor war ich zugleich quasi Institutsleiter der Solar-Abteilungen in Köln und Almería. Vor meinem Ausscheiden 2001 gelang es dann noch, die Solargruppen in Almería, Köln und Stuttgart organisatorisch zusammenzuführen. Die Gründung eines selbstständigen Instituts für Solarforschung 2011 war das Ergebnis. Wir haben in Köln viele verschiedene Themen bearbeitet. Ende der Achtzigerjahre war auch die Solarchemie ein aktuelles Thema – die Idee, den Energiebedarf der chemischen Industrie mit Sonnenenergie zu decken. So konnte mit Unterstützung des Landes NordrheinWestfalen der Kölner Solarofen gebaut werden, der bis heute viele interessante Forschungsergebnisse geliefert hat. Hoch anerkannt ist bis heute auch die DLR-Forschung für Solarkraftwerke und Wärmespeicher für sehr hohe Temperaturen, die so viel Energie speichern können, dass die Turbinen der Solarkraftwerke damit auch während der Dunkelheit betrieben werden können. Sicherlich arbeiten die DLR-Experten auf keinem Forschungsfeld ganz allein, aber ihr Beitrag war und ist ganz wesentlich.

Gab es auch Schwerpunkte jenseits der erneuerbaren Energien?

Ja sicher, zum Beispiel die Energieeffizienz. So haben wir an der Optimierung von Verbrennungsprozessen für Kraftwerke gearbeitet. Und nicht zuletzt die Systemanalyse war ein wichtiger Baustein des Energieforschungsprogramms – die Entwicklung von Energieszenarien, die die Energiewende in Deutschland vorbereitet oder sogar gefördert haben. Alles in allem war die Zeit am DLR für mich eine hoch befriedigende Berufsphase mit großartigen Kollegen in den Instituten und im Vorstand. Hatte mich die Ministerialzeit vom Ingenieurteil meiner Ausbildung eher etwas entfremdet, so war diese Kompetenz im DLR wieder gefordert. Nach meiner Zeit im DLR war ich von 2001 bis 2006 Vorstand für Energie- und Materialforschung im Forschungszentrum Jülich. In dieser Zeit war ich wieder mehr als Physiker gefragt. Zugleich war ich Energie-Koordinator der Helmholtz-Gemeinschaft – und auch in dieser Rolle habe ich immer gern die DLR-Beiträge zur gemeinsamen Energieforschung gefördert.

PM: DLR

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