Interview zur Energieunion mit Frankreich: Ein Gespräch mit Dr. Matthias von Bechtolsheim

Pressefoto von Matthias von Bechtolsheim
Stromerzeugung 2014 in TWh; Quellen: Arthur D. Little, BDEW, RTE France
Stromerzeugung 2014 in TWh; Quellen: Arthur D. Little, BDEW, RTE France
Die Energieunion: Europas energetische Zukunft?

„Langfristig kann die Energiewende nur Erfolg haben, wenn gemeinsame Potentiale erkannt und im Rahmen eines europäischen Strommarktes realisiert werden.“

Ein Gespräch mit Dr. Matthias von Bechtolsheim, Partner in der Energy & Utilities Practice bei der Strategie- und Innovationsberatung Arthur D. Little.

(WK-intern) – Das französische Parlament hat vor kurzem seine ganz eigene Energiewende verabschiedet, auch wenn sie freilich anders ausfällt als die deutsche.

Der Anteil der erneuerbaren Energien soll sich in den nächsten 25 Jahren auf mehr als 32 Prozent verdoppeln. Bis 2025 will die Regierung den Anteil an Atomstrom zudem von 75 auf 50 Prozent zurückfahren. Inwiefern könnte dieser Schritt Europa einer Energieunion näher bringen?

Pressefoto von Matthias von Bechtolsheim
Pressefoto von Matthias von Bechtolsheim / Quelle: Westend Medien GmbH

Am Beispiel Frankreich wird deutlich, dass das deutsche Projekt „Energiewende“ einen klaren Streueffekt auf andere europäische Länder haben kann. Mit Frankreich engagiert sich nun die zweitgrößte europäische Volkswirtschaft für eine saubere Energiegewinnung. Besonders Bemerkenswert ist dies, da Frankreich mit einer der weltweit größten Kernkraftwerksflotte als ein Stammland der Nukleartechnik gilt. Wenn man die Stromerzeugung beider Länder vergleicht, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich. Gemeinsam ist beiden die Abhängigkeit von einer Grundlasterzeugung, hier die Kohle, dort die klimafreundliche Kernkraft und Wasserkraft. Der Handlungsdruck ist für Frankreich aber deutlich geringer: Während in Deutschland 40 Prozent der Stromerzeugung CO2-frei sind, hat Frankreich heute 95 Prozent. Während sich die Energiewende in Deutschland fast ausschließlich auf den Stromsektor beschränkt, kann Frankreich sich mit anderen Sektoren wie Wärme und Verkehr beschäftigen. Die neue Entwicklung ist auch insofern besonders vielversprechend, da beide Länder die Integration eines europäischen Strommarktes gemeinsam vorantreiben können. Gerade in der Übergangsphase könnte sich eine mögliche bilaterale Zusammenarbeit als Vorbild für Europa erweisen, denn die Schwankungen bei Wind- und Sonnenenergie sind bei einem gleichzeitigen Abbau fossiler und nuklearer Kapazitäten nur mit einem gesamteuropäischen System zu bewältigen – so können Last- und Erzeugungsspitzen langfristig gedeckt werden. Möglich ist das allemal. Schon heute sind Deutschland und Frankreich die größten Stromexporteure in Europa – Tendenz steigend.

Die französischen Maßnahmen sind vielfältig: Neben teilweise verpflichtenden energetischen Gebäudesanierungen setzt die französische Regierung auch auf Steuererleichterungen und die Förderung von Elektroautos – sogar eine fünfstellige Abwrackprämie für Dieselfahrzeuge soll es geben. Auch die Fuhrparks der Öffentlichen Verkehrsbetriebe werden auf umweltfreundlichere Fahrzeuge umgestellt. Wie schätzen Sie diese Reformen der französischen Regierung ein? Kann sich die deutsche Regierung gegebenenfalls noch etwas bei den Franzosen abschauen?

Besonders bemerkenswert ist auch, dass Frankreich die entsprechende Infrastruktur für die Elektromobilität zur Verfügung stellen wird. So sollen über das Land verteilt 7.000 Ladestationen gebaut werden. Frankreich hatte bislang zwar erst doppelt so viele Elektrofahrzeuge auf der Straße. Das offizielle Ziel war mit zwei Millionen Elektro- und Hybridfahrzeugen aber auch noch ehrgeiziger als hierzulande. Ich bin mir sicher, dass die Elektromobilität bei unseren Nachbarn nun einen erheblichen Aufschwung erleben wird. Für eine gelungene Energiewende ist das von großer Bedeutung. Die Mobilität ist nicht nur aus deutscher Sicht eines der großen Sorgenkinder.

Gibt es andere Maßnahmen, die für Deutschland ebenfalls richtungsweisend sein können?

Um die Ziele zu erreichen, will die französische Regierung beispielsweise auch die Gebäudesanierung vorantreiben. Das Thema Energieeffizienz wird in Frankreich nun weiter vorangetrieben. So hat das deutsche Verbändebündnis Effizienzwende die Bundesregierung bereits aufgefordert, dem französischen Vorbild beim Thema Energieeffizienz zu folgen. Allerdings hat Frankreich bei der Gebäudeeffizienz einen höheren Nachholbedarf.

Welche Schritte müssen noch erfolgen? Wo liegen eventuelle Probleme?

Das größte Problem ist, dass bestehende EU-Vorgaben zu Energieeffizienz, den erneuerbaren Energien und CO2-Reduzierung nicht durchgängig umgesetzt werden –ebenso wie die Vorgaben zur Integration der Strom- und Gasmärkte.

Als problematisch dürften sich auch die unterschiedlichen Strommarktmodelle der einzelnen Mitgliedsstaaten erweisen – Frankreich setzt hier im Gegensatz zu Deutschland beispielweise auf einen Kapazitätsmarkt. Bei uns hingegen wird der Strompreis frei am Markt ermittelt. Klar ist: Langfristig kann die Energiewende in Deutschland und Frankreich nur Erfolg haben, wenn gemeinsame Potentiale erkannt und im Rahmen eines europäischen Strommarktes realisiert werden. Dann muss auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der heute national ausgerichteten Politik bei Erneuerbaren gestellt werden. Warum fördern wir in Deutschland mit 900 kWh pro Jahr und installierter Leistung die Photovoltaik immens, wenn in Südfrankreich bei gleicher Leistung 1500 kWh herauskommen?

Wie könnte eine europäische Energieunion konkret aussehen? Welche Mechanismen wären hier wichtig?

Die EU-Kommission und das EU-Parlament sollten diese Themen vorantreiben. Es liegt ein entsprechendes Arbeitsprogramm für die Energieunion vor. Deutschland tut gut daran, die europäischen Mechanismen mitzuprägen, sie dann aber auch umzusetzen. Der Emissionshandels-Mechanismus ist ein gutes Beispiel, auch wenn er verbessert werden muss. Ähnlich müssen die EU-Arbeiten an einem gemeinsamen Strommarktmodell vorangetrieben werden, um Schieflagen in einzelnen Märkten zu reduzieren.

 

 

Welche Rolle würde der Wärmesektor spielen? Wie kann er integriert werden?

Momentan sind Wärme- und Stromsektor kaum miteinander verzahnt. Durch die massiven Schwankungen und Überschüsse der Stromerzeugung aus Windanlagen und Photovoltaik werden Wärmespeicher wichtig. Power-to-Heat kann eine Möglichkeit sein, die Überproduktion an Solar- und Windstrom in Deutschland in Wärme zu verwandeln, statt die Strompreise in anderen Ländern durch den Export zu drücken. Noch stehen dem kommerziellen Durchbruch von Power-to-Heat regulatorische Hürden im Weg.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie auf dem Weg zu einer Energieunion?

Diese liegen vor allem in der konsequenten Umsetzung der EU-Klima- und Energieziele in den Mitgliedsländern. Der EU „Fahrplan zu Energieunion“ enthält deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen, um die Umsetzung bestehender Vorgaben zu prüfen und zu beschleunigen. Er beschäftigt sich ausführlich mit der Entwicklung der Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2050.

Wie hoch schätzen sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass in naher Zukunft eine Energieunion geschaffen wird? – wagen Sie eine Prognose.

Der Erfolg wird hier wie immer abhängig davon sein, ob und inwieweit die Mitgliedsländer die bestehenden EU-Vorgaben umsetzen. Man sollte sich auf die Kernthemen fokussieren. Hier steht das europäische Strommarktmodell im Vordergrund. Auch wenn dieses ein „dickes Brett“ ist, stehen die Chancen für eine Lösung nicht so schlecht wie man vermuten möchte.

Windkraft-Journal

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