Pumpspeicherkraftwerk: Trinkwasserversorgung, Stromakku und Naherholungsgebiet für München

Leitzachwerke1-Foto-SWM-Obermeier
Leitzachwerke1-Foto-SWM-Obermeier

(WK-intern) – 100 Jahre Leitzachwerke: Stromakku und Naherholungsgebiet

München – Die Elektrifizierung Münchens ist – ebenso wie die heutige Trinkwasserversorgung der bayerischen Landeshauptstadt – ohne die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden in der Region nicht denkbar. Denn an der Wende zum 20. Jahrhundert konnte die stetig wachsende Stadt ihren Bedarf an Elektrizität und sauberem Trinkwasser nicht mehr innerhalb der Stadtgrenzen decken und war daher auf die Erschließung der entsprechenden Ressourcen in der Region angewiesen. Hier in Vagen wird seit 1913, also genau seit 100 Jahren umweltfreundlicher Strom für München erzeugt. Nach verschiedenen Umbauten sind die Leitzachwerke 1 und 2 heute moderne Pumpspeicherkraftwerke, die als Stromakkus einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten: Wenn der Wind stark weht oder die Sonne intensiv scheint, können sie den überschüssig produzierten Strom zwischenspeichern und dann, wenn die Brise nachlässt und Wolken aufziehen, wieder ans Netz abgeben. Insgesamt erzeugen die SWM an diesem Standort heute durchschnittlich rund 144 Millionen Kilowattstunden Ökostrom, genug, um damit fast 58.000 Haushalte zu versorgen (bei einem Verbrauch von 2.500 kWh/Jahr). Etwa ein Drittel der Strommenge ist „Pumpstrom“, zwei Drittel werden aus dem Zufluss von Mangfall, Leitzach und Schlierach gewonnen.

Die SWM haben mit dem Kraftwerk von Anfang an großen Wert auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit gelegt und eng mit den umliegenden Gemeinden zusammengearbeitet. So ist aus dem Areal ein von der Bevölkerung gut angenommenes Naherholungsgebiet geworden, das eine Vielzahl von Aktivitäten wie Bootfahren, Surfen, Schwimmen oder Angeln ermöglicht. Die SWM haben hierfür z.B. Grundstücke für den Bau eines Radwegs, für den Rundweg um den Seehamer See und für einen Parkplatz für die Erholungssuchenden zur Verfügung gestellt, eigene Fußwege angelegt und zusätzliche Ansitzflächen für Angler errichtet. Weiterhin haben die SWM die Mangfall-Eisenbahnbrücke zur Benutzung durch Fußgänger und Radfahrer saniert und für den symbolischen Preis für 1 DM an die Gemeinde Feldkirchen-Westerham verkauft. Darüber hinaus engagieren sich die SWM sehr stark für den Natur- und Landschaftsschutz. Deshalb dienen der Seehamer See und die Unterbecken zwischenzeitlich als Brut- und Rastplätze für viele Zug-, Streich- und Standvögel, darunter auch viele bedrohte Arten. In mehreren beruhigten Zonen entstand ein Landschaftsschutzgebiet von übergeordneter Bedeutung. Der See und seine angrenzenden Ufer- und Moorbereiche stehen seit 1960 unter Landschaftsschutz.

Stephan Schwarz, SWM Geschäftsführer Versorgung und Technik: „München war und ist auch heute noch bei der Versorgung seiner Einwohner auch auf die Region angewiesen. So gewinnen wir z.B. den größten Teil des Trinkwassers für München hier im Mangfalltal, da es in der Stadt nicht genügend gibt. Auch unsere Ausbauoffensive Erneuerbare Energien, mit der wir bis 2025 so viel Ökostrom erzeugen möchten, wie ganz München verbraucht, ist ohne Anlagen außerhalb Münchens nicht zu realisieren. Bei all diesen Aktivitäten arbeiten wir eng mit den Gemeinden zusammen, auf deren Gebiet wir tätig sind und haben immer ein Ohr für die Bedürfnisse und Wünsche der Anwohner. Wir unterstützen diese, wo es uns möglich ist. Das Leitzachwerk ist ein sehr gutes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit aller Beteiligten. Hier gehen alle Hand in Hand für eine saubere Umwelt.“

Bürgermeister Schweiger: „Das Leitzachwerk wird mit seinen Speicherbecken sowie der entsprechenden Bewirtschaftung des Seehamer Sees ein wichtiger Bestandteil für den Hochwasserschutz im Mangfalltal sein. Dadurch können ca. 2 Millionen Kubikmeter Rückhaltevolumen gewonnen werden. Ein bereits vorhandener Retentionsraum wird genutzt und es sind keine baulichen Maßnahmen am Seehamer See erforderlich. Eine weitere wichtige Hochwasserschutzmaßnahme konnte in enger Zusammenarbeit mit den Stadtwerken München im Bereich des Leitzachwerkes bereits realisiert werden. Zum Schutz der Ortschaft Vagen wurde der Kotbach ausgebaut bzw. durch vorhandene offene Gräben das Hangwasser in das Unterwasserbecken des Leitzachwerkes zugeführt.“

Funktionsweise von Pumpspeicherkraftwerken

Pumpspeicherkraftwerke befinden sich immer zwischen zwei Seen, die häufig künstlich angelegt werden. Das zufließende Wasser wird zunächst im oberhalb des Kraftwerks gelegenen See gespeichert. Dieser See wird als Oberbecken bezeichnet. Bei Strombedarf wird das Wasser über eine Fallrohrleitung an die Turbinen des Kraftwerks geführt. Die Turbinen geben die Drehbewegung an Generatoren weiter, die Strom erzeugen. Nachdem das Wasser durch die Turbinen geflossen ist, gelangt es in den unterhalb des Kraftwerks gelegenen See, das Unterbecken. Aus diesem wird das Wasser wieder in einen Fluss geleitet. Bei niedrigem Strombedarf ist es möglich, mit einem Pumpspeicherwerk elektrische Energie zu speichern. Mithilfe von Pumpen gelangt das Wasser über das gleiche Fallrohr, über das es vom Ober- in die Unterbecken floss, wieder aus den Unterbecken nach oben. Im Oberbecken steht es dann wieder bereit, um bei Bedarfsspitzen Strom zu erzeugen.

Die Leitzachwerke 1 und 2 der SWM sind Pumpspeicherkraftwerke. Sie nutzen das Wasserdargebot der Flüsse Leitzach, Mangfall und Schlierach. Als Oberwasserspeicher dient der Seehamer See mit einer Fläche von ca. 1,1 Quadratkilometern. Das Unterwassersystem besteht aus drei miteinander verbundenen künstlichen Becken mit einer Fläche von 0,5 Quadratkilometer. Die Pendelwassermenge von zwei Millionen Kubikmeter kann in diesen Seen gespeichert werden. Der Zulauf ist durch das Fassungsvermögen der Überleitungsstollen begrenzt und beträgt maximal 24 Kubikmeter pro Sekunde.

Zur Historie der Leitzachwerke

Mit der Internationalen Elektrizitätsausstellung begann 1882 der Siegeszug des elektrischen Stroms auch in München. Verantwortlich für die Versorgung sowie den Auf- und Aufbau des Verteilungsnetzes und der Kraftwerke waren seit ihrer Gründung 1899 die Städtischen Elektrizitätswerke München (die 1939 in den Stadtwerken München aufgegangen sind). Um den Strombedarf der Stadt zu decken, nutzte man zunächst die in und bei der Stadt vorhandenen Wasserkraft-Potenziale der Isar und ihrer Stadtbäche zur Stromerzeugung. Da diese jedoch in ihrer Leistung beschränkt waren und der Verbrauch der Stadt stetig anstieg, suchte man schon bald zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten der günstigen Wasserkraft in der Region.

In diesem Zuge wurde von Dezember 1911 bis Dezember 1913 in Vagen das Laufwasserkraftwerk Leitzach 1 errichtet. Es nutzte das Wasserdargebot der Leitzach, eines Nebenflusses der Mangfall, in Verbindung mit dem Seehamer See als Staubecken. Dieser ermöglichte eine verbrauchsabhängige Stromerzeugung und Ausgleich des Belastungsdiagramms einer ganzen Woche. Der Bau war technisch sehr anspruchsvoll, das Wasser des Seehamer Sees wurde über zwei gusseiserne Rohre mit je 2 Meter Durchmesser über das Leitzachtal hinweg zum Kraftwerk an der Mangfall geführt. Zunächst war das Werk mit 4 Maschinensätzen mit jeweils 4 MW Leistung ausgestattet. 1919 wurde es um einen weiteren Maschinensatz mit 4 MW erweitert. Die Energieübertragung nach München erfolgte mittels zweier rund 38 Kilometer langen 25.000 Volt Drehstromkabel; eine Pionierleistung für die damalige Zeit.

Von 1927 bis 1929 wurde das Leitzachwerk in der zweiten Baustufe zu einem Pumpspeicherkraftwerk umgebaut; zu einem der ersten in ganz Deutschland. Es erhielt einen weiteren, 6. Maschinensatz mit einer Leistung von 8 MW und zwei Hochdruckspeicherpumpen. In dieser Ausbaustufe wurden auch die Überleitungen der Mangfall und der Schlierach in den Seehamer See gebaut.

In den Jahren 1958 bis 1960 entstand ein weiteres Pumpspeicherkraftwerk, das Leitzachwerk 2. Es hat eine Leistung von 2 mal 24,6 MW und ist heute noch in Betrieb. Die neu gebaute Triebwasserleitung mit einem Durchmesser von 4 Metern verläuft teilweise unterirdisch. Für den Druckausgleich bei den Anfahr- und Abstellvorgängen dient ein Wasserschloss. Die erneute Leistungssteigerung des Leitzachwerkes erforderte eine Ertüchtigung der Freileitung auf 110 kV.

Um das 2 bis 4,8 Meter schwankende Gefälle am Auslauf der Unterwasserbecken in die Mangfall auszunutzen, wurde von 1963 bis 1965 das Leitzachwerk 3 als Laufwasserkraftwerk errichtet. Es hat eine Leistung von 0,1 bis 0,38 MW und die Aufgabe, die den Flüssen Mangfall, Leitzach und Schlierach während eines Tages entnommene Wassermenge kontrolliert in die Mangfall einzuleiten.

1983 ging das neue Leitzachwerk 1 anstelle des alten Kraftwerks in Betrieb. Die Turbinenleistung beträgt jetzt 49 MW. Die Triebwasserleitung (Durchmesser: 4 Meter) verläuft unterirdisch, für den Druckausgleich sorgt wie beim Leitzachwerk 2 ein Wasserschloss.

2001 haben die SWM die drei Leitzachkraftwerke auf den Betrieb ohne Beaufsichtigung (BOB) umgestellt. Sie werden seither vollautomatisch von der Leitwarte in München aus gesteuert und sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil im Erzeugungspark der SWM.

Am Sonntag, 4. August ist Tag der offenen Tür im Kraftwerk

PM: SWM

Weitere Beiträge:



Diesen Artikel weiterempfehlen:






Schreibe einen Kommentar

Top