PR-Forschungsprojekt zeigt: Ohne die Bevölkerung geht in der Risikokommunikation nichts

(WK-intern) – Mit dem Blick in die Vergangenheit der Geothermie-Projekte in Landau, Brühl, Bruchsal und Unterhaching hat Enerchange die erste Phase seines Forschungsvorhabens zur Evaluation und Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit bei Geothermieprojekten beendet.

Die Analyse der PR-Aktivitäten der Projektbetreiber, Zeitungsberichte sowie Interviews mit den Menschen vor Ort verdeutlichen: Wer nicht rechtzeitig Öffentlichkeitsarbeit betreibt, baut kein Vertrauensverhältnis auf. Ist die Beziehung zur Bevölkerung erst einmal gestört, läuft Kommunikation ins Leere. Projektbetreiber sollten daher frühzeitig den Kontakt zur Bürgerschaft, der mit Abstand wichtigsten Zielgruppe, suchen. Die zweite Phase des vom Bundesumweltministerium geförderten Forschungsvorhabens hat nun mit der Erstellung eines PR-Konzepts für das Geothermiekraftwerk in Landau begonnen, in dem die Erkenntnisse aus der Analysephase einfließen werden.

Unterschiedliche Bewertung bei Bevölkerung und Medien

Ziel der ersten Phase war es, Zusammenhänge zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Wahrnehmung von Geothermieprojekten bei Bürgern und Medien zu untersuchen. Hierzu wurden neben einer Analyse der PR-Aktivitäten der Projektbetreiber rund 30 Interviews an den Projektstandorten sowie eine Medienresonanzanalyse durchgeführt. Mit einem Drittel aller Berichte aus regionalen und überregionalen Zeitungen sowie Fachzeitschriften aus den Jahren 2010 und 2011 stand die Geothermieanlage in Landau unter besonders intensiver Beobachtung der Medien, vor allem bedingt durch die Erschütterungen, die das Kraftwerk 2009 ausgelöst hat. Als negative Referenz wirkt das erste kommerzielle Kraftwerk im Oberrheingraben jedoch stärker in der Pfalz und darüber hinaus als direkt vor Ort. So haben die Interviews ergebenen, dass das Kraftwerk in der Bevölkerung nicht so negativ gesehen wird. In den Projektbetreiber haben die Menschen zwar kein Vertrauen, aber auch kein wirkliches Misstrauen. Die relative Gelassenheit ist allerdings weniger auf die intensivierte Öffentlichkeitsarbeit zurückzuführen, als auf die Tatsache, dass es seit 2009 keine weiteren spürbaren Erschütterungen mehr gab.

Ganz anders die Presseberichterstattung zu Brühl, über das überregional wenig und fast ausschließlich in Baden-Württemberg berichtet wird. Das in der Bevölkerung umstrittene und in der Umsetzung befindliche Projekt  ist ein Beispiel dafür, dass Risikokommunikation mehr ist, als nur Informationen verständlich zu vermitteln. Denn obwohl der Projektbetreiber seine Öffentlichkeitsarbeit mit der zunehmenden Dynamik des Konflikts erheblich ausgebaut hat, sieht die Bevölkerung darin fast nur Propaganda. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fand nicht mehr statt, da kein wechselseitiges Vertrauen aufgebaut und nicht ausreichend um Zustimmung in der Bürgerschaft geworben wurde. Stattdessen lag der Schwerpunkt, wie bei allen Projekten, auf der politischen Beziehungspflege – eine Überbetonung zulasten der Bevölkerung, obwohl die gewählten Mandatsträger von deren Votum abhängen.

Vorbauen durch aktive Positionierung des Projekts

Auch das Forschungskraftwerk in Bruchsal wurde von den Projektbetreibern nicht aktiv positioniert. Dass das Kraftwerk vor Ort kaum bekannt ist und auch sonst kaum in der öffentlichen Wahrnehmung vorkommt, hängt jedoch nicht mit der sehr geringen Öffentlichkeitsarbeit zusammen. Entscheidender ist die versteckte Lage im Industriegebiet und dass die jahrzehntealten Bohrungen geologisch keinerlei Probleme bereitet haben. Eine Garantie, dass es in Bruchsal weiterhin ruhig bleibt, ist das aber nicht. So könnte es Kritik geben, wenn beispielsweise das Kraftwerk ausgebaut werden soll und dafür neue Bohrungen erforderlich sind. In einer solchen Situation ist es von Vorteil, wenn man im Vorfeld um Vertrauen geworben und Identifikationsangebote geschaffen hat.

Mit der Nahwärme verfügt das Kraftwerk in Unterhaching über einen für die Bevölkerung ganz unmittelbaren Nutzen. Dementsprechend wurde in den Interviews vor allem die lokale Energieversorgungssicherheit hervorgehoben. Obwohl mit professioneller PR erst spät aus der Notwendigkeit des Fernwärmeabsatzes heraus begonnen wurde, genießt das Kraftwerk eine hohe Akzeptanz verbunden mit einer sehr geringen Risikowahrnehmung. Indem die lokal stark verankerten Initiatoren das Projekt den Menschen im persönlichen Kontakt nahegebracht und in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen vorangetrieben haben, ist das Kraftwerk aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstanden. Auf informellem Weg waren die Bürger an der Entstehung beteiligt und konnten so Vertrauen aufbauen. Die mediale Ausstrahlung des Vorzeigeprojekts bleibt weitgehend auf Bayern beschränkt.

Vorausschauende PR und Bürgerbeteiligung noch Mangelware

In der Gesamtschau zeigt sich, dass die Öffentlichkeitsarbeit bei allen Projektbetreibern zwar in den vergangenen Jahren ausgebaut wurde, aber überall noch optimiert werden kann. Festzustellen ist zum Beispiel, dass es bislang häufig an konzeptionellen Überlegungen zur PR mangelt und so eine vorausschauende Öffentlichkeitsarbeit kaum möglich ist. Statt selbstinitiativ Themen zu besetzen, wird meist nur reagiert. Der öffentliche Raum bleibt dadurch oft unbesetzt, was es in konfliktreichen Situationen schwierig macht, mit der eigenen Deutung von Ereignissen ausreichend Gehör zu finden. Zudem gibt es die Tendenz, sich zu sehr den Gegnern von Projekten zu widmen, statt die Befürworter sichtbar zu machen und die neutral eingestellten Bevölkerungsgruppen für sich zu gewinnen. In diesem Zusammenhang wird oft versäumt, Bündnispartner aus Verbänden, Vereinen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaften, die als Multiplikatoren fungieren, einzubinden. Möglichweise, weil Kommunikation allzu häufig noch immer nicht als Bringschuld verstanden wird.

Positiv zu vermerken ist, dass es zunehmend professionell gemachte Projektinformationen zur Verfügung stehen. Allerdings sind sie häufig noch sehr textlastig und zu sehr darauf fokussiert, die Geothermie zu erklären, statt sich primär mit den für die Bevölkerung relevanten Fragen zu beschäftigen – beispielsweise welchen Lärm man zu erwarten hat oder wie Flurschäden bei seismischen Voruntersuchungen in Ordnung gebracht werden. Bei den Online-Auftritten hat sich die Situation ebenfalls verbessert, essentielle Dinge wie zum Bespiel ein eigener Bereich für die Presse fehlen aber teilweise immer noch. Zudem werden die Inhalte nur selten über Bilder, Video- oder Audioangebote vermittelt. Social Media werden nur in Ausnahmefällen genutzt, spielen aber bei dem doch vorwiegend lokalen Kommunikationsprozess im Zuge von Geothermieprojekten ohnehin bislang nur eine untergeordnete Rolle.

Die lokalen Gegebenheiten gilt es ganz generell in der Kommunikation von Geothermieprojekten zu berücksichtigen und in die Planung der PR einfließen zu lassen. So gehören Bürgerbeteiligung und öffentliche Veranstaltungen für Vorhaben im Oberrheingraben zumindest momentan zum Pflichtprogramm der Öffentlichkeitsarbeit, während dies im Molassebecken von Fall zu Fall entschieden werden muss. Wenn Veranstaltungen geplant werden, so zeigen die Erfahrungen im Rahmen der PR-Analyse, empfiehlt es sich, einen neutralen und geschulten Moderator hinzuziehen, statt Vertreter der Lokalpolitik oder des Projektinitiators moderieren zu lassen.

Risiko ist das, was die Bürger als solches wahrnehmen

Wichtig für das Selbstverständnis der Kommunikation für Geothermieprojekte ist: Seit den Erschütterungen in Basel und Landau und den Hebungen in Staufen, die im Rahmen einer oberflächennahen Bohrung auftraten, nimmt die Bevölkerung vor allem im Oberrheingraben die tiefe Geothermie als Risiko wahr. Projektbetreiber sollten daher auch Risikokommunikation betreiben. Entscheidend ist dabei nicht, wie sie selbst die Technologie sehen, sondern wie die Menschen sie beurteilen. Ihre Sorgen und Bedenken müssen ernst genommen werden. In der Kommunikation müssen darauf adäquate Antworten gefunden werden. Dabei ist Risikokommunikation ein Dialog auf Augenhöhe. Wie Bürger ein Risiko wahrnehmen, hängt vor allem von der Beziehungsqualität zum Projektbetreiber ab. Die Beziehung ist der Nährboden, auf dem sich die zentralen Interpretationsmuster entwickeln. Letztlich geht es darum, auszuhandeln, wie groß das Risiko ist, welche Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen sind und darlegen zu können, dass das Risiko beherrschbar bleibt. Jegliche Risiken im Vorfeld zu negieren geht an der Realität vorbei und ist deshalb nicht ratsam. Kriseninterventionspläne und Pläne darüber, wie ein Störfall bewältigt werden soll, sind integraler Bestandteil der Risikokommunikation.

Für die Analyse zur Öffentlichkeitsarbeit hat Enerchange Interviews mit den Projektbetreibern geführt und die zur Verfügung gestellten PR-Unterlagen evaluiert. Die Medienanalyse hat das Europäische Institut für Energieforschung (Eifer) erbracht. Für die vor allem quantitative Analyse konnte Eifer auf Datenbestände aus den Jahren 1995 bis 2009 zurückgreifen, die bereits zuvor für eine Studie der EnBW Energie Baden-Württemberg zusammengetragen wurden. Außerdem wurden 380 Artikel aus regionalen und überregionalen Zeitungen sowie Fachzeitschriften aus den Jahren 2010 und 2011 ausgewertet. Hinzukamen die Artikel aus vier relevanten Lokalteilen. Die Stakeholderinterviews hat die neutrale Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen geführt. Insgesamt wurden 29 Personen befragt – von Umweltschützern über Bürgermeister und Gemeinderäte bis hin zu Gegnern.

Die Abschlussberichte zur  Medienresonanzanalyse und den Stakeholderinterviews stehen unter www.pr-geothermie.de zum Download bereit. Dort sind auch alle weiteren Informationen, News und Vorträge zu dem Projekt hinterlegt.

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