Weltweiter Trend zum Passivhaus – 16. Internationale Passivhaustagung 2012

Ernst Ulrich von Weizsäcker und Wolfgang Feist auf der Passivhaustagung 2012 in Hannover. ©: Passivhaus Institut/proklima
Ernst Ulrich von Weizsäcker und Wolfgang Feist auf der Passivhaustagung 2012 in Hannover. ©: Passivhaus Institut/proklima

(WK-intern) – Ein weiterer Meilenstein in Richtung nachhaltige Zukunft

Die 16. internationale Passivhaustagung 2012 war ein voller Erfolg. Noch nie fanden sich so viele Nationen unter den 1.000 Gästen in Hannover, die unter der bisher größten internationalen Vielzahl an Vorträgen wählen konnten.

„Aber es ist nicht die Quantität, die entscheidet – es sind die Inhalte“, bedankte sich Univ. Prof. Dr. Wolfgang Feist bei den Referenten aus aller Welt.

Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker betonte in seiner einleitenden Keynote die weltweite Dringlichkeit zur Verfünffachung der Ressourcenproduktivität, wollen wir langfristig sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten sozial verträglich versorgen. „Das Passivhaus erlaubt sogar einen Faktor 10, ist also eine fantastische Innovation und heute bereits absolut rentabel“, unterstrich Weizsäcker die globale Bedeutung des Passivhaus-Standards.

Noch immer wird dem Thema Energieeffizienz viel zu wenig Bedeutung beigemessen, obwohl für die Klimaschutzziele 2050 die Energieeffizienz mit 65% den Megaanteil bewältigen muss. Harald Noske, Direktor der Stadtwerke Hannover, appellierte an Bund und Länder die thermische Sanierung generell rasch zu verbessern. Es kann schließlich nicht länger sein, dass Hannover ein besichtigbares Einzelbeispiel darstellt, wie es einfach und unbürokratisch funktionieren kann. So beträgt Dank der regionalen Arbeit von ProKlima der Passivhaus-Anteil am Neubau im Stadtgebiet Hannover schon heute 30 Prozent.

Das Passivhaus ist bereit für die ganze Welt
Passivhäuser können überall auf der Welt gebaut werden, überall dort, wo Menschen leben. An jedem Standort bieten Passivhäuser bestmöglichen Komfort – dies aber mit nur geringem technischen und finanziellen Aufwand und vor allem mit extrem geringem Energieverbrauch für Heizung und Kühlung. Selbst für die Entfeuchtung, die in den tropischen Klimabereichen eine bedeutende Rolle spielt, wurde eine Passivhaus typische Lösung gefunden.
Diese Eignung ist nicht nur theoretisch – sondern praxisrelevant. Architekten aus den USA, Kanada, Großbritannien, Schweden, Spanien, Korea und China haben in Beiträgen Dutzende realisierte Beispiele gezeigt. Besonderes Highlight war die als Passivhaus realisierte Österreichische Botschaft in Jakarta, vorgestellt vom Wiener Architekten Fritz Oettl.

Ein bedeutendes Ergebnis der Tagung war, dass die Passivhäuser tatsächlich die enorme Energieeinsparung „bringen“, für die sie konzipiert wurden. Das wurde an Beispielen aus den USA, an einer Reihenhaussanierung in London, Schulen in Wolverhampton/England und den ersten Objekten aus Spanien belegt.
Immer bessere Komponenten führen dazu, dass es immer einfacher wird, Passivhäuser zu entwerfen und zu bauen. Die größte je stattgefundene Passivhaus Ausstellung zeigte bedeutende Fortschritte bei den Komponenten – viele neue Fenster der besten Passivhaus-A-Klasse, ein weiteres zertifiziertes Kompaktgerät und fortschrittliche Lüftungsgeräte. Neue Entwicklungen von Passivhaus-Komponenten bieten weltweite Lösungen. Exemplarisch sei dafür die laufende revolutionäre Neuentwicklung von Verglasungen mit einem U-Wert von 0,1 W/m²K genannt, welche künftig selbst in Ulan Bator/Mongolei – der kältesten Hauptstadt der Welt – den Passivhaus-Standard problemlos ermöglichen. Im Hochland Mexikos oder in Portugal – in sogenannten „lucky climates“ – lässt sich der Passivhaus-Standard sogar ganz ohne Heizung, Kühlung und Entfeuchtung, allein mit passiven Maßnahmen auf einfache Weise realisieren.

Zertifizierte Passivhaus-Qualität immer mehr gefragt
Mittlerweile existieren 40.000 Passivhäuser mit über 20 Millionen Quadratmetern Nutzfläche in aller Welt. 2.500 Architekten und Bauingenieure haben sich zum zertifizierten Passivhaus-Planer weiterbilden lassen. Schon 50 Anbieter in 20 Ländern bieten entsprechende Kurse an. Selbst in Griechenland sehen dies Planer als das beste Mittel gegen die Krise an. Die Gebäudetypologien kennen ebenfalls keine Grenzen mehr für das Passivhaus. Auf der diesjährigen Tagung wurden erstmals auch eine Tennishalle in Passivhaus-Standard in Växjö/Schweden und Krankenhäuser in Frankfurt am Main und in Köln-Chronweiler vorgestellt.

All dem liegt das mittlerweile weltweit für alle Klimata anwendbare Passivhaus-Projektierungs-Paket PHPP zugrunde. Selbst frühere Passivhaus-Kritiker planen heute energieeffiziente Wohnhäuser ganz selbstverständlich mit dieser Software. Schließlich ist das Berechnungstool inzwischen als zuverlässige Methode anerkannt, den Heiz- und Kühlenergiebedarf von Gebäuden voraus zu berechnen. Im Fokus der Tagung standen auch Zusatzapplikationen für das PHPP für parametrisches Entwerfen, in der Energieberatung, der Integration in „Building Information Modelling (BIM)-Systeme“ oder in der Ermittlung von Lebenszykluskosten.

Jean Nouvel bleibt Jean Nouvel – auch in Passivhaus-Qualität
Einer der weltweit angesehensten Architekten Rem Koolhaas schrieb in seinem Buch „The Energy Report“ 2011: „We need strict energy-efficency criteria for all new buildings, aiming toward near zero energy use, equivalent to Passive House Standards. Retrofitting rates must increase quickly to improve the energy efficiency of existing buildings“. Das 75 Meter hohe Polizeihauptquartier in Charleroi/Belgien in Passivhaus-Standard vom Atelier Jean Nouvel und MDW Architecture zeigt, wie sich zeitgenössische Architektur dem Passivhaus an- nimmt.

Passivhaus Regionen zeigen wie es geht
Wie keine andere Passivhaustagung zuvor stand der diesjährige Kongress im Zeichen der weltweiten Ausbreitung des Passivhaus-Standards. In Europa wird die Entwicklung einerseits von der EU-Gebäude-Richtlinie voran gebracht, die mit dem „Nearly zero energy building“ ab 2020 in ganz Europa Effizienz auf Passivhaus-Niveau als Mindeststandard definiert. Zudem gibt es immer mehr Passivhaus-Leuchtturmregionen und Kommunen, die für ihre öffentlichen Bauten diesen wirtschaftlichen Baustandard heute schon vorgeben. Die Region “Brussels-Capital“ zeigte auf der Tagung in eindrucksvoller Weise wie sie konsequent innerhalb von vier Jahren die Passivhausfläche von 0 auf 250.000m² brachte, und bereits ab 2015 das Passivhaus für sämtliche Neubauten verpflichtend sein wird. Sind es derzeit 28 Regionen mit rund 37 Millionen Bürgern, so werden bis Jahresende diese Regionen bereits rund 55 Millionen Bürgern umfassen. Das neue EU-Projekt PassREg unter der Leitung des Passivhaus Institutes wirkt daran maßgebend mit.

Ausgehend von diesem Projekt leitete Wolfgang Feist in seinem Abschlussvortrag auf das Konzept und den Ort der folgenden, 17. Passivhaustagung über: Frankfurt am Main im Zeitraum vom 17. bis 21. April 2013 – mit dem Schwerpunkt „Energiewende mit dem Passivhaus“. Schon jetzt im Kalender markieren!
www.passivhaustagung.de

90 internationale Beiträge wurden in 16 Arbeitsgruppen abgehandelt. Darüber hinaus fanden die größte Passivhaus-Ausstellung mit Herstellerforum, ein Handwerker-Forum, eine internationale Herstellerbörse, zwei Passivhaus-Einsteigerkurse, eine Abendveranstaltung in der AWD-Fußballarena sowie 8 Exkursionen statt.

Veranstalter der 16. Internationalen Passivhaustagung waren das Passivhaus Institut und proKlima- Der enercity-Fonds

PM: Sabine Stillfried & Günter Lang
presse@passiv.de & g.lang@langconsulting.at

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